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19. November 2017

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Singles auf Bergen

Singles auf BergenAnna Weidenholzer

Vor einem Jahr haben Karin Zörrer-Zeiner und ihr Mann die Plattform Single-Wandern ins Leben gerufen. Heute sind sie in fast allen Bundesländern vertreten. Eine Reportage über die Partnersuche auf Wanderschaft.

Es ist ein bisschen wie Schulwandertag, nur dass sich niemand kennt. Und dass die Schule schon lange vorbei ist. 14 Singles zwischen 40 und 60 Jahren stehen auf einem Parkplatz beim Attersee. Sie warten auf die zu spät Kommenden, Wanderleiterin Gerlinde mit der Anwesenheitsliste in der Hand.
Karl* geht noch in den Attersee schwimmen. Es dauert nicht lange, dann kommt er zurück, Wasser tropft ihm vom Gesicht. „Ich habe kein Handtuch genommen“, sagt er. Karl wird es auch sein, der drei Stunden später als Einziger der Gruppe in den Schwarzensee springt. Er kommt aus der Gegend und ist 50 und fünf Jahre alt – fünf Jahre, weil er 2004 einen schweren Mountainbike-Unfall hatte, nach dem er wiedergeboren wurde, wie er sagt.
Schon das Wochenende zuvor ist er die Strecke vom Attersee zum Schwarzensee gewandert, mit einer Dame, die er aus dem Internet kennt. Sportlich sei sie, hatte sie dort angegeben. „Ich habe ihr gesagt, sie soll es sagen, wenn ihr das Tempo nicht passt. Ich kann das so schwer einschätzen, ich habe ein Gefühl wie ein Nilpferd. Das Tempo dürfte dann doch nicht gepasst haben, sie hat sich nicht mehr gemeldet.“ Beim Single-Wandern ist Karl zum zweiten Mal. Er ist viel unterwegs in den Bergen, meistens ohne Begleitung. „Das hier ist eine Abwechslung, da bin ich nicht alleine.“
Alleine ist ein Wort, das an diesem Tag noch öfter fällt. Vor allem bei der Vorstellungsrunde nach dem ersten Steilstück. Die erste große Liebe haben alle schon hinter sich gebracht. „Ich bin alleine“, dieser Satz kommt immer wieder. Nicht mehr alleine fernsehen wollen, nicht mehr alleine wandern wollen, nicht mehr das fünfte Rad am Wagen sein wollen. Neben der Partnersuche hat das Single-Wandern für den Großteil der Singles einen gewichtigen Nebeneffekt: eine Gruppe von Menschen zu haben, die in keiner Beziehung sind und das Wochenende nicht mit Partner oder Partnerin verbringen. „Es ist interessant, weil ich weiß, dass hier alle ohne Partner sind –
da stellt sich nicht die Frage, ob jemand in einer Beziehung ist oder nicht. Man kann offen über alles reden“, sagt Renate (54). Geredet wird über die Anfahrt zum Parkplatz, Wanderfahrungen, Single-Erfahrungen oder auch Line Dance.

Line Dance und Fitnessteller
Ingrid (47) und Silvia (50) haben sich in einer Line-Dance-Gruppe kennengelernt. Silvia war bereits einmal Single-Wandern und hat dieses Mal ihre Freundin Ingrid mitgebracht. „Jetzt gibt’s gleich einen deftigen Kas“, sagt Silvia, als sie sich auf der Hütte ihre Wanderschuhe auszieht. Es ist ein Hin- und Herschmettern von Schmähs zwischen den beiden Damen und zwei weiteren Herren am Tisch. Und dann ist da noch Hubert, der ebenfalls in Oberösterreich Line tanzt. Ingrid und Silvia reden schnell, laut, viel, und ihr Lachen legt sich immer wieder über die Gruppe. Am Nebentisch geht es ruhiger zu, dort gibt es auch einige müde Gesichter. Der Schmähtisch bestellt geschlossen Fitnessteller, der Line Dance wird als Gesprächsthema immer wieder aufblitzen.
In der Zwischenzeit erzählt Fritz. Er ist seit einem Jahr Single. Ein kurzer Zeitraum, wie der 42-jährige Norbert meint: „Nach einem Jahr habe ich noch nicht einmal gemerkt, dass ich Single bin.“ Fritz hat es bereits gemerkt und sich auch schon vor dem Single-Wandern mittels Kontaktanzeige in einer Lokalzeitung auf die Suche gemacht. Um die hundert Damen haben sich auf seine Annonce mit dem Text „Single, 52, zwei Kinder, Hobbys: ...“ gemeldet. Fritz hatte sich zuvor ein Wertkarten-mobiltelefon für die zahlreichen Anrufe besorgt. „Aber da fragst du dich schon: Was sind das für Leute? Da waren so viele unmoralische Angebote dabei. Das hier ist unverbindlicher, das ist viel gescheiter. Die Frauen, die hier mitmachen, können zumindest fünf Kilometer gehen.“

Ahnungslose Familie
Im Vergleich zu anderen Single-Wanderern in der Gruppe ist Fritz seit relativ kurzer Zeit ohne Partnerin.
Single-Wandern – da triffst du den richtigen anderen“, mit diesem Satz werben die Veranstalter auf ihrer Website. 25 Pärchen haben sich beim Single-Wandern offiziell bereits gefunden. Die Dunkelziffer dürfte aber höher sein, vermuten die Veranstalter. Nicht alle geben Bescheid, wenn die Liebe zugeschlagen hat.
Karin Zörrer-Zeiner und Helmut Zörrer, die Veranstalter, haben sich ebenfalls in den Bergen verliebt. Das ist inzwischen fünf Jahre her, die beiden haben geheiratet, und seit einem Jahr bieten sie die Wanderungen an – mittlerweile bis auf Vorarlberg in jedem Bundesland. Was anfangs als zweiwöchiges Angebot in Ober­österreich geplant war, verzeichnet heute bereits mehr als 3000 registrierte Mitglieder. Es werden Wanderungen für Singles zwischen 25 und 45 und 40 und 59 Jahren organisiert, bald sollen auch mehrtägige Urlaube mit Wanderungen angeboten werden. Verschwiegenheit und Seriosität ist den Organisatoren dabei sehr wichtig. Kein anderer Wanderer erkennt, dass sich hier Singles zum Wandern treffen; wer nicht auf das Gruppenfoto möchte, das nur intern verschickt wird, geht einfach zur Seite.
Johanna (52) schätzt die Diskretion. Ihr Mann ist vor vier Jahren gestorben, sie kommt aus einer kleinen Ortschaft in Oberösterreich und möchte nicht mehr alleine sein. Es wäre schön, wenn da wer wäre. Johanna ist seit einem halben Jahr bei einem Partnerinstitut im Internet angemeldet. Sie hat sich mit einigen Männern getroffen, aber der Richtige war nicht dabei. Abgesehen vom Internet würden ihr nicht viele Möglichkeiten bleiben, Männer kennenzulernen. „Im Umkreis von fünf Kilometern kennt mich zu Hause jeder. In ein Lokal kann ich nicht alleine gehen, da würden alle reden.“ Beim SingleWandern ist sie heute zum ersten Mal mit dabei. Nicht einmal ihre Familie weiß von Johannas Partnersuche. „Ich habe fast niemandem erzählt, dass ich suche.“
Drei der sieben Herren, die an dieser Wanderung teilnehmen, heißen Karl. Es ist nicht der wiedergeborene Schwimmer Karl, sondern jener Karl, der mit seinen 60 Jahren der älteste Teilnehmer ist, der den Großteil der Wanderung nicht von Johannas Seite weicht. Karl war zweimal verheiratet und ist jetzt Single unter Anführungszeichen, wie er sagt. Vor einem Jahr hat er über das Internet eine Dame kennengelernt, seinen Single-Status hat er aber noch nicht aufgegeben. Beim Single-Wandern ist er wie Johanna das erste Mal dabei. „Ich gehe mit, dass ich unter Leute komme, alleine ist das Wandern fad“, sagt er. Karl ist beim gleichen Internet-Partnerinstitut wie Johanna angemeldet. Auch das ist Gesprächsbasis. Vergleichen lasse sich Single-Wandern mit der virtuellen Partnerbörse nur schwer, meint Karl: „Das ist eine ganz andere Atmosphäre.“

Das erste Wiedersehen
Landschaftlich geprägt ist die­se Atmosphäre von Almwiesen, Bäumen, Bächen und im Falle der heutigen Wanderung auch von zwei Seen. In der Natur redet es sich leichter. Das ist auch die Philosophie der Organisatorin Zörrer-Zeiner. Kontakte zu knüpfen geht beim Single-Wandern wirklich einfach. Bei siebeneinhalb Stunden Wanderung inklusive Einkehr auf der Hütte bleibt dazu genügend Zeit. Und es sind nicht nur Männer und Frauen, die sich hier finden. Auch viele gleichgeschlechtliche Freundschaften werden geschlossen. Man geht auf einen Kaffee, man verabredet sich zur nächsten Single-Wanderung.
Kathrin (40) ist schon einmal bei einer Wanderung mitgegangen, allerdings in der jüngeren Gruppe der 25- bis 45-Jährigen. Heute möchte sie es gemütlicher angehen. Als sie zum ersten Mal zu dem vereinbarten Treffpunkt gefahren ist, war sie sehr aufgeregt. „Das war eine große Überwindung für mich. Ich hatte ein bisschen Angst, dass da wieder viele gemeinsam hinkommen und sich bereits kennen. Aber es war dann eine angenehme Überraschung und sehr nett. Mit ein paar der Frauen, die dort mitgewandert sind, habe ich mich in der Zwischenzeit auch wieder getroffen.“ Und auch Silvia und Fritz kennen sich bereits von einer früheren Wanderung. Dass man sich zu einer weiteren Single-Wanderung verabredet, kommt laut Organisatorin Karin Zörrer-Zeiner gar nicht so selten vor: „Das erste eigentliche Date findet oft wieder bei uns statt. Das ist dann in einem geschützten Rahmen.“

Wandern statt Kaffee
Darauf hofft auch einer der drei Karls. Nicht Karl, der Schwimmer, nicht Karl, der älteste Teilnehmer, sondern Karl, der Pflanzenkenner. „Ich hätte auch eine auf einen Kaffee eingeladen, aber sie hat gemeint, sie geht das nächste Mal sowieso mit, da treffen wir uns dann wieder.“ Karl ist 57 Jahre alt und seit vier Jahren geschieden. Nach einer neuen Partnerin hat er sich bislang noch nicht umgesehen. „Ich habe noch nie Zeit gehabt, dass ich mich umschaue, es ist mir auch nie so ein Bedürfnis gewesen.“ Karl kennt die Namen vieler Pflanzen, die neben dem Wanderweg wachsen, und er kennt das Gefühl einsamer Wochenenden. „Am Wochenende bin ich oft alleine, nicht nur am Wochenende.“ Beim Single-Wandern ist er heute zum ersten Mal mit dabei. Er wird wieder mitgehen, um die auserwählte Dame ein weiteres Mal zu treffen. „Es ist nicht gesagt, dass das was ist. Ob das was wird, entscheidet das Schicksal, man muss es nehmen, wie es kommt.“
Nach der Wanderung wird Karl wie alle anderen die Teilnehmerliste mit den Telefonnummern und das am Schwarzensee gemachte Gruppenfoto zugeschickt bekommen. Was dann passiert, wird sich zeigen. „Wenn sich was ergibt, passt es, wenn nicht, hab ich wenigstens einen lustigen Tag gehabt“, sagt Ingrid wie einige andere auch. Es gibt einen Mann, er lebt nicht am Attersee, nicht am Schwarzensee, sondern am Hallstättersee. Er ist über 70 Jahre alt und schon lange Zeit kein Single mehr. Aber er hat eine Devise, die er eisern verfolgt und die auch auf das Single-Wandern zutrifft: „Aus dem Wald geht man nicht mit nichts heim.“
* Die Namen wurden auf Wunsch der Teilnehmer geändert.

Links

Anna Weidenholzer, Economy Ausgabe 75-08-2009, 21.08.2009