Rockmusik trifft Klimaschutz

Rockmusik trifft Klimaschutz (EPA)Foto: EPA

Wer Bands wie die Rolling Stones oder Die Ärzte hört, ist Klimaschützer. Die Green Music Initiative macht Musik umweltverträglich. Es „grünt“ in der Branche, und wer kein welkes Blatt sein möchte, rockt klimafreundlich mit.

Zerrissene Jeans, gefärbte Haare und krachende Gitarrenriffs – sieht so Klimaschutz aus? Wenn es nach der Green-Music-Bewegung geht, schon. Das Umweltbewusstsein hält Einzug in die Musik- und Unterhaltungsbranche. Wo früher noch „No Future“ proklamiert wurde, wird heute auf Nachhaltigkeit und Kohlendioxidreduktion geachtet. Rocken gegen den Klimawandel? Immer mehr Bands verschreiben sich diesem Motto.
Den Stein des Anstoßes lieferte eine Studie der englischen Elite-Universität Oxford. Diese rechnete der britischen Musikindustrie vor, dass sie jedes Jahr 540.000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) produziert. Das entspricht etwa dem CO2-Fußabdruck einer Kleinstadt von 54.000 Einwohnern oder dem Ausstoß von 180.000 Autos pro Jahr.
Erst reagierten darauf einzelne Bands wie etwa die Alterna­tive-Superstars Radiohead, die ihre Tournee 2008 „Carbon Neutral Tour“ nannten, beim Bühnenlicht circa 40 Prozent durch Energiesparlampen sparten und ihren Kohlendioxidausstoß durch Aufforstungsprojekte neutralisierten. Inzwischen beteiligen sich auch längst Urgesteine des Musikgeschäfts wie die Rolling Stones oder Pink Floyd an der rockigen Gärtnerei. Das Ziel: Verantwortung übernehmen und ein Zeichen setzen.

Green Music Initiative
Die Idee fand ihren Weg bald von der Insel auf den Kontinent, genauer gesagt nach Berlin. Jacob Bilabel gründete dort erst vorletztes Jahr die Green Music Initiative. Das Konzept lautet, Unternehmen aus der Kreativwirtschaft beim Einsatz grüner und nachhaltiger Energien sowie beim Reduzieren der Kohlendioxidemissionen zu unterstützen. „Der Klimawandel ist in den Köpfen der Menschen angekommen und mit ihm das wachsende Bewusstsein, dass jeder seinen Teil dazu beitragen muss, um ihm zu begegnen“, so Bilabel.
Es soll jedoch nicht einfach mit erhobenem Zeigefinger Verzicht gepredigt werden. Das beispielhafte Vorangehen von Akteuren aus der Musik- und Unterhaltungsbranche soll Vorbildcharakter haben und somit letzten Endes zum Nachmachen ermuntern; die Umsetzung innovativer Einfälle zur CO2-Reduktion wird mit einem Award ausgezeichnet. Speziell der erzieherische
Effekt steht im Mittelpunkt. Die Musikbranche hat „durch ihren Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung eine große Mitverantwortung bei der Erreichung der vereinbarten CO2-Reduktionsziele“, ist Bilabel vom großen Potenzial der Bewegung überzeugt.

Klimarevolte von unten
Laut der Oxford-Studie ist die Anreise der Fans zu den Konzertplätzen jener Prozess, der am meisten CO2 produziert, nämlich 43 Prozent. Für jeweils etwa 25 Prozent zeichnen der CD-Lebenszyklus von der Produktion bis zur Entsorgung sowie Musikveranstaltungen verantwortlich. Tourbusse, der Transport von Bandequipment et cetera spielen hingegen kaum eine Rolle.
Die Green Music Initiative, die auch eng mit renommierten wissenschaftlichen Instituten zusammenarbeitet, hat daraufhin mit dem Melt-Festival einen wichtigen Partner gefunden. Das Festival in der Nähe von Dessau in Sachsen-Anhalt, auf dem heuer unter anderem Massive Attack und Tocotronic spielen, will als Leuchtturmprojekt mit dem Ausbau attraktiver Anreiseangebote seine CO2-Bilanz verbessern und umweltfreundlicher werden.
Im Gegensatz zu Maßnahmen wie etwa dem letztjährigen Klimagipfel in Kopenhagen liegt der Green Music Initiative somit eher ein Bottom-up-Prinzip zugrunde. Mit ihrem Kohlendioxidausstoß liegt die Musikindustrie bei Weitem nicht mit an der Spitze der CO2-Sünder, dennoch nimmt sie ihre Verantwortung vermehrt wahr und versucht ein Zeichen zu setzen. „Jeder kann und soll einen Beitrag leisten“, lautet das Motto.

Punks als Musterschüler
Schon vor Gründung der Green Music Initiative kompensierte die deutsche Punkband Die Ärzte den CO2-Ausstoß der Jäzzfäst Tour in Zusammenarbeit mit dem Klimaschutzprojekt CO2OL. Dabei handelt es sich um einen Dienstleister, der bei der Berechnung verursachter CO2-Emissionen im Privathaushalt sowie in der Firma hilft. CO2OL bietet Vorschläge zu deren Reduktion sowie zur Neutralisation nicht weiter vermeidbarer Emissionen durch Aufforstungsprojekte. Auf der Homepage www.co2ol.de kann übrigens jeder seine CO2-Produk­tion berechnen und Angebote zu deren Neutralisation einholen.
Durch Aufforstungsprojekte wird CO2 absorbiert, indem es beim Baumwachstum wieder zu Sauerstoff und Kohlenstoff aufgespaltet wird. Von den Aufforstungsprojekten von CO2OL in Lateinamerika profitiert übrigens nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch die miteingebundene Bevölkerung. Die Qualität und Nachhaltigkeit der Projekte wird dabei laufend von unabhängigen Institutionen geprüft.
„Die Kompensation von CO2-Emissionen durch nachhaltige und zertifizierte Klimaschutzprojekte ist nicht der Königsweg zur Rettung des Planeten, gehört aber zum Masterplan, wenn die Erde eine Zukunft haben soll“, heißt es seitens CO2OL. Na dann. „Are you ready to rock?“


Emanuel Riedmann, Economy Printausgabe 84-05-2010, 18.06.2010 Kommentar posten


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