Osteuropa gibt’s nicht mehr

Osteuropa gibt’s nicht mehr (Bilderbox.com)Foto: Bilderbox.com

In der Finanzkrise landen Tschechien mit Ungarn, die Ukraine mit Slowenien und die Slowakei mit Rumänien im Hochrisikotopf „Osteuropa“. Wirtschaftlich gesehen liegen Welten zwischen diesen Ländern.

Nun sind sie wieder dort, wo sie herkamen, die Länder des früheren Ostblocks, sie haben ihren Ruf zurück. Wenn in den Wirtschaftsnachrichten vom „Klumpenrisiko“ Osteuropa die Rede ist und der Finanzminister in Brüssel ein „Ost-Hilfspaket“ beantragt, um heimische Banken zu retten, schwingen Rückständigkeit, Düsterkeit und sogar Gefahr mit. Alle Versuche, den begrifflichen Ballast des „Ostens“ abzuwerfen, misslangen: Zentral- und Osteuropa? Südost­europa? Neue EU-Länder? Erweiterungsländer? Keine Chance, verunsicherte Bürger und Anleger wollen Schubladen: Osten bleibt Osten.
Dabei entfaltet sich die Heterogenität der Region gerade in der Finanzkrise. An der wirtschaftlichen Stabilität gemessen sind sich Tschechien und Ungarn so ähnlich wie Österreich und Italien, Estland und Slowenien wie Griechenland und Schweden. economy geht mit der Lupe über eine Region, die es so nicht mehr gibt.
Neben Slowenien ist Tschechien das einzige Land mit einem Länderrating A, das ist zwei Stufen unter dem Topwert AAA. Ein Grund sind die soliden Staatsfinanzen, die Verschuldung ist mit 30 Prozent niedrig, darauf legen Analysten besonderen Wert. Das Land hat dadurch noch Spielraum, Geld in die Konjunktur zu pumpen und der Krise gegenzusteuern. Die Exporteinbrüche (vor allem Autos nach Deutschland) werden das Land voll treffen, aber weniger hart als andere Länder in der Region. Denn die Tschechen werden ihre Ausgaben auch 2009 um drei Prozent erhöhen und damit die Konjunktur stützen, erwarten die Experten vom Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche WIIW. Die Verschuldung der privaten Haushalte ist vergleichsweise gering, damit halten sich auch Ausfallsrisiken für die Banken in Grenzen. Für diese Zeiten ungewohnter Kommentar des WIIW: „Die tschechischen Banken sind in einem guten Zustand.“
Ganz anders ist die Situa­tion in Ungarn. Mit dem Länderrating C auf einer Stufe mit Libyen oder Mauretanien gelegen, schrammte das Land im Herbst knapp am Staatsbankrott vorbei. Grund ist ein ungesunder Cocktail aus einer Staatsverschuldung von 66 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), stark in Fremdwährungskrediten verschuldeten Bürgern und einem Leistungsbilanzdefizit von über fünf Prozent. Letzteres bezeichnet den Überschuss von Importen zu Exporten. Um all das zu finanzieren, geben Staaten Anleihen aus. Mit einem derart schlechten Län­derrating bleiben die Ungarn aber auf ihren Forint-Anleihen sitzen, darum mussten Internationaler Währungsfonds (IWF), Weltbank und EU mit 20 Mrd. Euro Krediten einspringen. Der Absturz des Forints tut sein Übriges zur Destabilisierung, weil sich dadurch die Fremdwährungskredite meist in Euro massiv verteuern. Den Banken drohen herbe Ausfälle. Nun hängt viel davon ab, wie sich die extrem verfeindeten Parteien vor den Wahlen im nächsten Jahr verhalten. Das Ruder können sie nur gemeinsam herumreißen.

Euro hilft der Slowakei
Dank der Übernahme desEuros zu Beginn 2008 blieb der Slowakei ein Währungsverfall wie in Ungarn erspart. Doch der wäre nicht so dramatisch ausgefallen: Die Wirtschaft steht nach Jahren des Rekordwachstums auf festen Beinen, die Staatsverschuldung liegt wie in Tschechien unter 30 Prozent. 2009 soll es noch ein Wachstum von zwei Prozent geben. Das ist die beste Prognose für ein Land in dieser Region. Härter als Tschechien dürften die Slowakei aber die Einbrüche auf dem Automarkt treffen. Das Land ist wie kein anderes abhängig von der Autoindustrie. Anders als Tschechien kann das Euroland Slowakei nicht abwerten, um die Exporte im Ausland billiger zu machen und damit die Schlüsselwirtschaft anzukurbeln. Auch auf dem Arbeitsmarkt ist die Ausgangslage mit zwölf Prozent Arbeitslosen versus sechs Prozent in Tschechien deutlich schlechter, mit ein Grund für das Länder-Rating BB.
Von acht auf null Prozent Wachstum in einem Jahr: ein Land im Sturzflug. Nach Ungarn und Lettland musste nun auch das Karpatenland die Krisenfeuerwehr rufen. 19 Mrd. Euro von EU und IWF sollen es vor dem Finanzkollaps bewahren. Rumänien hat sich am selben Cocktail wie Ungarn vergiftet: Konsum- und Immobilienrausch auf Pump, finanziert durch Kredite in Auslandswährung, schmackhaft gemacht von ausländischen Banken wie dem Platzhirsch Erste Bank. Nun rasselt der Kurs der Landeswährung Leu, und der Eurokredit wird täglich teurer. Die WIIW-Experten schließen soziale Unruhen im politisch instabilen, noch immer sehr armen Land nicht aus.


Clemens Neuhold, Economy Printausgabe 71-03-2009, 27.03.2009 Kommentar posten


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