Kaderschmieden des Islam

Kaderschmieden des Islam (EPA)Foto: EPA

Madrasas, islamische Hochschulen, gelten im Westen seit der Verbreitung des radikalen Islamismus als Brutstätten einer gefährlichen Ideologie. Was teilweise berechtigt ist, muss allerdings nicht generell der Fall sein.

Sie gelten als Ausbildungszentren für Taliban und als Gehirnwäsche-Anstalten für Kinder aus ärmlichen Verhältnissen, die zu Selbstmordattentätern im Namen des Dschihad, des religiösen Krieges, ausgebildet werden: Madrasas. Die Madrasa ist eine religiöse Schule oder Hochschule des Islam. Sie ist meist einer Moschee angeschlossen und beherbergt Gebetssäle, Unterrichtsräume, Bibliotheken, Unterkünfte und manchmal auch Turnsäle.
Sehr verbreitet sind sie in Pakistan und im Süden und Südosten Afghanistans, wenngleich es sie auch in vielen anderen islamischen Ländern gibt, meist als Gründung eines Stifters, eines reichen und angesehenen Bürgers oder Imam, in letzter Zeit jedoch viel häufiger durch Gönnerstaaten rund um den Persischen Golf, insbesondere Saudi-Arabien, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Qatar und Kuwait. Allein in Pakistan, insbesondere in den Unruhegebieten im Nordwesten, gibt es Tausende von Madrasas, die in den entlegenen Gebieten und ärmlichen Stammesgebieten oft die einzige Möglichkeit für die Landbevölkerung darstellen, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken.

Nachwuchsschmiede
Das Problem dabei ist allerdings, dass gerade die pakistanischen und afghanischen Madrasas sehr stark von ihrer Grundidee, der Ausbildung der islamischen Nachwuchsgeistlichkeit, abgingen und sich deutlich in Richtung islamistischer Kaderschmieden entwickelten, schreibt der deutsche Terrorismusexperte Rolf Tophoven, der versucht, den deutschen Soldaten im Magazin der Deutschen Bundeswehr die afghanische Welt zu erklären. „Als Brutstätte des islamistischen Terrors haben Geheimdienste das pakistanische Grenzgebiet zu Afghanistan verortet. Die dortigen Terrorcamps im Verbund mit den Madrasas, den Koranschulen, sind die Kaderschmieden des islamistischen Terrors unserer Tage“, so Tophoven.

Machtloser Staat
Das Problem dabei ist, dass der pakistanische Staat in dieser Hinsicht relativ machtlos ist, da ihm sowohl die Mittel zur Eröffnung weiterer Schulen als Alternative zu Madrasas als auch die Staatsgewalt in den meist rechtslosen Gegenden von Waziristan und Swat (in Nordwest-Pakistan) fehlt. In Afghanistan selbst ist die Situation sowieso außer Kontrolle. Jahrzehnte des Krieges und die Theokratie der Taliban haben eine erschütternd niedrige Bildungsrate hinterlassen. So beträgt laut Schätzungen von Hilfsorganisationen der Alphabetisierungsgrad afghanischer Männer nur rund 43 Prozent, der von Frauen überhaupt nur rund 13 Prozent. Viele Eltern geben ihre Kinder also in Madrasas, weil sie gar keine andere Möglichkeit haben.
Die Kaderschmieden der Taliban gehören hauptsächlich der Richtung des Deoband an, einer Auslegung des Islam, die aus Indien stammt und der eine strenge Interpretation des sunnitischen Islam zugrunde liegt. Die größte Deobanden-Madrasa in Pakistan liegt in der Stadt Akora Khattak nahe Peshawar und gilt als so etwas wie das „Harvard der Taliban“, das eine Lehre vertritt, die den Islam mehr oder weniger auf Scharia und Dschihad reduziert.
Von den bis zu 30.000 Madrasas in Pakistan gehört rund ein Drittel der Denkschule der Deobanden an, und viele sind in ihrer Region so verankert und ihre Mullahs so angesehen, dass die pakistanische Regierung weder willens noch imstande ist, die Anzahl der Schulen zu verringern. Für den pakistanischen Geheimdienst Isi wiederum sind die Schulen eine Quelle von Erkenntnissen.
Rund eine Mio. junger Pakistani besucht Madrasas, viele, weil sie aus armen Familien kommen, die dankbar sind, dass sie von der Schule Mahlzeiten, etwas zum Anziehen und eine Unterkunft bekommen. Im Gegenzug erhalten die Kinder aber meist nicht viel mehr als Koranstudien als Erziehung, viel zur Verbesserung der allgemeinen Bildungssituation tragen die Madrasas also nicht unbedingt bei. Und jene, die über die Vermittlung islamischer Lehren hinausgehen, waren in den letzten Jahren stets Ziele islamischer Attentate und Erstürmungen. Mit dem Umkehr­effekt, dass besorgte Eltern ihre Kinder erst recht auf die radikalen Madrasas schicken, weil diese für Taliban-Attentäter tabu sind.

Rolle der Geheimdienste
Die Madrasas als Kaderschmieden für islamistischen Terror in den Griff zu bekommen, ist seit Jahren das Ziel vor allem der amerikanischen und britischen Geheimdienste, sagt der amerikanische Nahostexperte und US-Regierungsberater Christopher M. Blanchard. Das nicht zuletzt, weil al-Qaida verstärkt eigene Madrasas zur Ausbildung des Nachwuchses einsetzt und auch, weil bekannt ist, dass unter anderem die Personen, die 2005 das Attentat auf die Londoner U-Bahn ausübten, direkte Absolventen von pakistanischen Madrasas waren.
Zugleich, so Blanchard, sei das Problem der finanziellen Zuwendungen durch Regierungen, Organisationen und Einzelpersonen aus den Golfstaaten zu lösen, die meistens anonym, im Zuge der islamischen Spende, des Zakat, erfolgt. So ist von den wenigsten Madrasas offiziell bekannt, aus welchen Quellen sie sich finanzieren.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass die USA heute die Früchte ihrer wenig durchdachten Außenpolitik zu Zeiten des Kalten Krieges ernten, als die CIA der größte Geldgeber für Madrasas in Afghanistan und Pakistan war, um die Ausbildung von Mudschaheddin-Kämpfern gegen die Sowjets zu stützen. So wurde also genährt, was sich heute in fürchterlicher Weise gegen den edlen Spender früherer Tage richtet.
Madrasas sind auch in anderen Ländern im Aufwind, meist als Resultat von regionaler Armut und Versagen staatlicher Bildungsinfrastruktur. So spielen die islamischen Schulen in Bangladesch, in Indonesien und Malaysia eine wichtige Rolle im Bildungssystem.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 79-12-2009, 18.12.2009 Kommentar posten


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