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zur Startseite "Dossier"Islamic Finance im Aufwind
Foto: Bilderbox.comIm Jahr 1982 erklärte Mexikos Regierung, die Auslandsschulden nicht mehr bezahlen zu können – die Schuldenkrise der Dritten Welt wurde offenbar. Ein Vierteljahrhundert später trifft es Island. Der europäische Inselstaat streift den Staatsbankrott. Bricht die Welt unter Zinseszinsen zusammen? Ein System, das zumindest in der Theorie ohne Zins auskommt, übt in der Finanzwelt immer größere Faszination aus: die Wirtschaftsethik der Muslime. Auch bei Institutionen und der Finanzindustrie steht das Thema Islamic Banking heute höher auf der Agenda als vor einigen Jahren. Nicht ohne Grund: „Schariakonforme Produkte verhielten sich nach der Subprime-Krise relativ stabil“, weiß Michael Mahlknecht, Geschäftsführer des Software-Lösungsanbieters Delta Hedge und Autor des Buches Islamic Finance. Als von Mitte 2007 bis Ende 2007 US-Unternehmensanleihen bereits in den Keller rauschten, hätten islamische Anleihen im Wert noch angezogen. Aber: „Das Volumen schariakonformer Produkte ist derzeit noch ein kleiner Tropfen im Ozean – mit weltweit starker Wachstumstendenz“, so Mahlknecht.
London in Europa Vorreiter
In Europa hat vor allem London die gesetzlichen, steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für derartige Geschäfte und Institute geschaffen, und so hält die Finanzmetropole zahlreiche spezialisierte Retail- und Investment-Banken, Versicherungen und auch Hedgefonds für interessierte Kunden bereit. In Bosnien deckt die Bosna Bank International derartige Bedürfnisse ab, in Italien ist laut Mahlknecht eine solche Spezialbank in Gründung, in Frankreich eine geplant. Schätzungen zufolge wünschen 30 Prozent der britischen Bevölkerung islamische Finanzprodukte, auch andernorts sollen manche Finanzberater Wartelisten führen. Sogar im L’Osservatore Romano lobte vor Kurzem der Papst das Islamic Banking, das zu neuen Regeln in der westlichen, von Gier geprägten Finanzwelt beitragen könnte.
„Hierzulande jedoch hält sich das Kundeninteresse noch in engen Grenzen“, empfindet Werner Albeseder, Geschäftsführer der Prime Communication & Corporate Finance Consulting, die auch in der Golfregion ein Standbein aufgebaut hat. Die großen heimischen Geldhäuser wie etwa die Raiffeisen Zentralbank (RZB) sind dem Vernehmen nach zwar vereinzelt im Bereich der Bankgeschäfte in Übereinstimmung mit den religiösen Regeln des Islam und der Scharia aktiv, allerdings nicht im Inland und in erster Linie für institutionelle Kunden. Und das, obwohl in Österreich mehr als 400.000 Muslime leben. „Rein pragmatisch betrachtet würden wir keine islamisch orientierten Produkte vertreiben“, meint Peter Böhler, Vorstandsdirektor bei der kirchennahen Bank Schelhammer & Schattera. „Wir verfügen dafür nicht über genug Expertise, und wir glauben auch, dass diese Produkte nicht dem Geschmack unserer Klientel entsprechen.“
Gefahr der Illiquidität
Die Finanzkrise könnte die Hinwendung zu derartigen Angeboten allerdings verstärken, denn schariakonforme Finanzformen werden als sicherer wahrgenommen und sind mit Sicherheit transparenter als so einiges, was vor der Subprime-Krise an Anlageprodukten in der westlichen Welt geschnitzt wurde. „Ich rate aber niemandem dazu, jetzt schariakonforme Produkte zu kaufen“, beeilt sich Mahlknecht zu sagen, „nur weil sie in der Vergangenheit gut performt haben, heißt das nicht, dass sie weiterhin besser abschneiden als viele Anlagevehikel westlichen Zuschnitts.“ Auch gebe es für die schariakonformen Produkte keinen Sekundärmarkt und damit die Gefahr der Illiquidität, warnt Mahlknecht.
Kern der Wirtschaftsethik der Muslime ist das Zinsverbot (Riba). Es gelten weiters Verbote der erhöhten Unsicherheit und des Glücksspiels. Unerlaubte Geschäftsbereiche, sie werden Haram genannt, sind Alkohol, Schweinefleisch, Pornografie, Waffen und meistens Verteidigungswesen sowie Tabak. „Die Konsequenzen daraus sind ein Verbot von Leerverkäufen, konventionellen Versicherungen, Finanzderivaten, Zinsinstrumenten, Investments in konventionelle oder nicht-islamische Finanzinstitute sowie Investments in überschuldete Firmen“, erklärt Mahlknecht. Es haben sich eigene Finanzinstrumente, Verträge und Versprechen herausgebildet, wie etwa die Islamic Bonds, auch bekannt unter dem Namen Sukuk oder spezielle islamische Versicherungen namens Takaful. In islamkonformen Banken eingesetzte Scharia-Boards entscheiden über die „Islamtauglichkeit“ der Produkte oder Institute. Der große Unterschied: Bei uns müssen Kredite bei Fälligkeit bezahlt werden – inklusive Zinseszins. Die islamische Wirtschaftsethik dagegen kennt den Schuldbegriff so nicht.
Umgehungsgeschäfte
Islamkonforme Geldhäuser müssen aber nicht ums Überleben bangen, sie schöpfen Geld etwa aus Gebührenerhebung. „Geld gegen Geld ist nicht okay“, erklärt Albeseder, „Geld gegen Ware geht dagegen in Ordnung.“
Konkret könnte das bedeuten, dass beispielsweise ein Autohändler seine Kfz an eine Bank verkauft, diese wiederum dem Interessenten einen Kaufpreis plus Aufschlag nennt, der sich unter Umständen nach dem Libor (London Interbank Offered Rate) richtet. „Ein Umgehungsgeschäft also“, wetterten bei der Veranstaltung „Ethik im Spannungsfeld der Kulturen“ des Österreichischen Netzwerks für Wirtschaftsethik anwesende Kritiker.
Wie dem auch sei, einfach auf die westliche Welt übertragen lassen sich derartige Prinzipien ohnehin nicht. Auch muss man bedenken, dass zu Mohammeds Zeiten enorme Handelsspannen und Wucherzinsen möglich waren, was dann auch zu den heute noch immer geltenden Verboten geführt hat.
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