Gut bewaffnet und mit Gott

Gut bewaffnet und mit Gott (A. Riegler)Foto: A. Riegler

Echte Amerikaner leben nicht in Washington und brauchen keine Waffengesetze. So polemisiert zumindest die Schusswaffenvereinigung National Rifle Association. Ein Lokalaugenschein beim Jahrestreffen der mächtigsten Lobbyingorganisation der USA.

Alle sind dabei, von Colt bis Glock, von Midway USA bis zur Sammlervereinigung deutscher Waffen. Es gibt Revolver mit rosa und violetten Griffen, Gewehre in Pastelltarnfarben und Volksschüler, die mit fachmännischem Blick das Kaliber erkennen.
Neben ausgestopften Tierschädeln werden Bären-, Wildschwein-, Zebra- und Hirschjagdferien ver­kauft. Ein sonnengegerbter Mittfünfziger lässt sich einen 2,5 Meter langen Spieß in Karton verpacken. Was er damit jage, frage ich. „Meine Frau“, gibt er zurück. Irgendwo knattert ein Taser.

Waffenvolksfest
An die 70.000 Besucher erwartete die Schusswaffenvereinigung National Rifle Association (NRA) zu ihrer Jahresversammlung mit angeschlossener Verkaufsmesse in Charlotte in North Carolina. Mit rund vier Mio. Mitgliedern und der Waffenindustrie als Geldgeber ist die Lobbyingvereinigung die mächtigste in den USA. Über ihren Einfluss werden politische Karrieren aufgebaut oder im Keim erstickt.
Das wichtigste Stück Gesetzestext ist für die NRA der zweite Zusatzartikel zur Verfassung, der als Recht jedes Bürgers ausgelegt wird, eine Waffe zu besitzen und mit sich zu führen. Dabei geht es, zumindest traditionell, um mehr als die Verteidigung gegenüber Einbrechern. „Der zweite Verfassungszusatzartikel dient zur Verteidigung der Freiheit vom Staat“, erinnert Newt Gingrich, ehemaliger Repräsentantenhaussprecher, in seinem Vortrag. Die Freiheit der Amerikaner sei ein Geschenk Gottes.
Die jeweilige Regierung spielt dabei nur eine Statistenrolle. Entsprechend wird in Charlotte ein Kirtag der Unabhängigkeit vom Staat und der Distanzierung von Städtern gefeiert. „Es ist immer toll, aus Washington herauszukommen und bei richtigen Amerikanern zu sein“, erklärt NRA-Cheflobbyist Chris Cox in seiner Einleitung. Das Publikum des bis auf die letzten Ränge besetzten Sportstadions ist fast nur weiß. Viele sind pensioniert, wenige kommen aus der großen Stadt. Cox drischt auf „linke“ und „elitäre“ Medien ein, sein Chef Wayne La-Pierre setzt den rhetorischen Feldzug zorniger fort. Sooft dieser „wir“ sagt, spricht er gleichbedeutend von NRA und Tea Party, einer stark wachsenden, konservativen Protestbewegung, nach deren Dafürhalten Präsident Barack Obama an einem sozialistischen Staatssystem zimmert.
Wayne und viele Redner nach ihm pochen auf Gottesfurcht und einfache, harte Arbeit als Regulativ gegen das Böse. Akademische Bildung, allen voran Obamas Harvard-Abschluss, wirkt geradezu als Feindbild und ist Symbol eines als ultralinks dargestellten Washington, das mit dem Durchschnitts­amerikaner nichts gemein hat. „Wir auf dem Land verstehen, dass man sich manchmal selbst verteidigen muss“, sagt Haley Barbour, Gouverneur von Mississippi, in seiner Rede. Als sich sein Bruder eine halb automatische Waffe zulegte, hielt er das zunächst für etwas drastisch. Die Erklärung leuchtete ihm und dem johlenden Publikum aber ein: Wenn jemand um drei Uhr früh mit einer Waffe an die Tür klopft, will man nicht im Nachteil sein.

Babyparty auf dem Schießplatz
Für Sarah Palin ist die NRA-Veranstaltung eine Art Heimspiel. Die bekennende Jägerin ist eine von ihnen. Hier kann sie bedenkenlos Landei, Schneemobilfahrerin, Waffennärrin sein. Sie erzählt von ihrer Babygeschenksparty auf dem Schießplatz und dass sie auf ihrer Hochzeitsreise auf die Jagd ging: „Es war August! Jagdsaison!“, ruft sie in die Menge, die vor Begeisterung tobt. Die Ex-Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschaftsanwärterin im letzten Wahlkampf ist trotz – oder gerade wegen – ihres offiziellen Ausstiegs aus der Politik zu einer der Leitfiguren der Tea-Party-Bewegung aufgestiegen.
Laut Palin ist es mit den Linken und Elitären aber ohnehin nicht weit her. Eine Journalistin, erzählt sie, habe nicht einmal den Unterschied zwischen Gewehr und Flinte gekannt: „Ja, und ich soll die Idiotin sein“, lacht sie vom Rednerpult herunter. Sie spricht auch jetzt manche Sätze noch nicht zu Ende, aber das macht nichts. Denn sie plaudert von Mut, Waffen und der Liebe zu den USA. Und das genügt hier vollauf.


Alexandra Riegler, Economy Printausgabe 85-06-2010, 25.06.2010 Kommentar posten


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