Friede, Freude und fliegende Fetzen

Friede, Freude und fliegende Fetzen (Photos.com/economy)Foto: Photos.com/economy

Von Schneewittchens böser Stiefmutter bis zum lustigen Chaotenhaufen in Ice Age: Patchworkfamilien haben viele Gesichter und sind keineswegs eine Erfindung der Gegenwart. Trotzdem wird das Thema medial sowie von Wissenschaft und Politik geradezu „stiefmütterlich“ behandelt.

Die Zahl der Eheschließungen bricht ein, die Scheidungsrate unter den bestehenden Ehen schnellt in die Höhe, das traditionelle Familienbild hängt schief – wer hat diese Stereotype nicht auch schon hundertmal gehört? Doch, um ein weiteres Klischee zu bedienen, eine Scheidung ist ja „nicht das Ende der Welt“. Was also bringt „das Leben danach“?
Trennungspaare, die bereits Kinder haben, können sich hier einen Begriff aussuchen: die Fortsetzungsfamilie, die zusammengesetzte Familie oder auf Neudeutsch die „Patchworkfamilie“. Diese besteht, wenn zumindest einer der Partner einer neuen Beziehung bereits Kinder aus einer vorangegangenen Verbindung hat, egal ob das volle Sorgerecht besteht oder nicht.

Umdenken ist angesagt
In Österreich trifft dies bereits auf eine von etwa zehn Familien mit Kindern zu. Trotzdem wird diese Realität oft ausgeblendet. In einer Familie mehr als zwei Eltern zu haben, ist für die meisten noch immer eine weitgehend befremdende Vorstellung. „Die Frage, wie sich mehrere Erwachsene die Elternschaft teilen können, hat kaum Tradition“, heißt es in einer Studie vom Institut für Soziologie an der Johannes-Kepler-Universität in Linz.
Die Patchworkfamilie hat neben den Turbulenzen speziell in ihrer Entstehungsphase noch mit einer Vielzahl anderer Probleme wie etwa der rechtlichen Benachteiligung oder der schlechten gesellschaftlichen Anerkennung zu kämpfen. Noch immer fehlt es an Mustern, an öffentlich wahrnehmbaren Vorbildern für Patchworkfamilien, an denen sich diese orientieren können. Laut der Gesellschaft für deutsche Sprache ist die Bezeichnung Patchworkfamilie zwar erst seit 1990 in Gebrauch. Die Familienkonstellation an sich besteht jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit schon seit jeher. Dabei waren es früher weniger Scheidungs- als vielmehr Todesfälle, die zu dieser Familienform führten. Vielleicht haftete ihr deshalb lange Zeit ein allzu negativer Beigeschmack an. Darstellungen von Patchworkfamilien in der Literatur gehen schon auf die alten Griechen oder etwa auch Shakespeare zurück. Dabei gibt es aber kaum eine Geschichte, die uns „gute“ Stiefeltern zeigt. Die negative Darstellung von Patchworkfamilien hat also eine lange Tradition. Vor allem Grimms Märchen haben unsere Vorstellung von dieser alternativen Familienform geprägt. Die böse Stiefmutter ist eine immer wiederkehrende Figur und hat sich geradezu zu einem Archetypen entwickelt.
Indessen ist aber auch hier ein gewisser Paradigmenwechsel eingetreten. Das Unbehagen und die negativen Spannungen, die früher gern hervorgehoben wurden, machen einer weitaus positiveren Sichtweise Platz. Das Phänomen Patchworkfamilie ist demnach kein Unglück mehr, sondern ein Glücksfall: Fremde Menschen finden sich zu einer Familie zusammen, die sie ohne einander nicht mehr hätten. Sogar in Hollywoods Kinderfilmindustrie ist diese Veränderung zu beobachten. Der Blockbuster Ice Age etwa zeigt eindeutig eine Art Patchworkfamilie, aber auch die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete deutsche TV-Soap Türkisch für Anfänger. Beide zeigen einen chaotischen, liebenswerten „Haufen“, der auch unter schwierigen Bedingungen zusammenhält. Diese zugegeben romantisierte Sichtweise ist symptomatisch für die Erkenntnis, dass sich die Patchworkfamilie langsam zur „Normalität“ entwickelt. Gesellschaftliche Veränderungen tragen das Ihre zur Beschleunigung dieses Prozesses bei.

Familienrecht hinkt hinterher
Insgesamt besteht jedoch noch viel Aufholbedarf. So ist die rechtliche Lage für Patchworkfamilien nach wie vor schwierig. „Dass es immer mehr Alleinerziehende und Patchworkfamilien gibt, ist im 21. Jahrhundert einfach zur Kenntnis zu nehmen. Für diese schon gar nicht mehr so neuen Familienformen müssen wir eine volle rechtliche Gleichstellung erreichen“, zeigt sich Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) voller Tatendrang. Wie viel sich in naher Zukunft zur besseren gesellschaftlichen Anerkennung von Patchworkfamilien ändern wird, bleibt abzuwarten. Die Tendenz ist zumindest positiv.
Seit 2007 stehen in Österreich immerhin statistische Erhebungen und Zahlenmaterial zum Thema zur Verfügung. Der Verein für Elternteile und Familien im Wandel bietet Betreuung und Hilfsangebote und leistet österreichweit Pionierarbeit auf diesem Gebiet. „Sich gegen neue Familienformen zu verschließen ist, wie für Entwicklung blind zu sein“, wird ORF-Moderator Reinhard Jesionek auf der Vereinswebsite zitiert. Ein passendes Schlusswort.


Emanuel Riedmann, Economy Printausgabe 82-03-2010, 26.03.2010 Kommentar posten


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Rechtliche Gleichstellung

Dabei sollte aber vom maximalen Rechtsanspruch der Kinder (Erbrecht, Recht auf Ausbildung, etc) und minimalem Rechtsanspruch der Eltern ausgegangen werden. Damit würde auch zur Wahrung der Rechte der Kinder sowohl bei einer Scheidung als auch bei einer neuerlichen Eheschließung, eine güterrechtliche Auseinandersetzung oder eine andere 'Pauschalregelung' notwendig werden. Was sich momentan gerade im Erbrecht abspielt ist jedenfalls erbärmlich.

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