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zur Startseite "Dossier"Frauenlos: obdachlos
Foto: Photos.comDer Begriff „verdeckte Wohnungslosigkeit“ beschreibt ein „ungesichertes“ Wohnverhältnis. Die Betroffenen sind zwar nicht obdachlos, haben jedoch auch kein richtiges Zuhause. Sie kommen großteils bei Bekannten oder Verwandten unter, oft auch in Zweckpartnerschaften. Vor allem Frauen sind davon betroffen. „Sie gehen aufgrund der gesellschaftlichen Zuschreibung davon aus, dass ihre Armut als persönliches Versagen und Schande gilt“, lautet die offizielle Erklärung der Bawo (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe). Deshalb „suchen sie aus Scham oder Schuldgefühlen nach privaten Lösungen, die sie sehr oft in neue Abhängigkeiten führen.“
Um Obdachlosigkeit zu vermeiden, bleiben viele in Zweckbeziehungen oder lassen sich gar auf Zufallsbekanntschaften ein, auch wenn solche Strategien sexuelle Ausbeutung und Gewalt mit sich bringen, bestätigt Elvira Loibl vom „Frauenwohnzentrum“ in der Leopoldstadt in Wien. Sie suchen die Schuld meist bei sich selber, und da das Thema Obdachlosigkeit, speziell bei Frauen, noch immer weitestgehend tabuisiert wird, bekommen sie aufgrund der fehlenden Medienpräsenz des Themas den Eindruck: „Ich bin die einzige Versagerin.“
Wichtiger Tabubruch
Der Frauenanteil unter jenen Menschen, die in Österreich von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Genaue Zahlen liegen jedoch nicht von allen Bundesländern vor. Auf dem vorhandenen Datenmaterial basierende Hochrechnungen ergeben inzwischen einen Frauenanteil von 51 Prozent. Der kontinuierliche Anstieg ist unter anderem dahingehend interpretierbar, dass allmählich alte Tabus gebrochen werden und sich betroffene Frauen dadurch vermehrt dazu entschließen, offizielle Hilfe zu suchen, anstatt informelle Bewältigungsstrategien zu wählen, die nicht in die Statistiken gelangen.
Der Aufholbedarf in der Öffentlichkeitsarbeit ist noch immer enorm. Vor allem im ländlichen Raum liegt der Frauenanteil in den offiziellen Statistiken sehr tief, was darauf hindeutet, dass dort die Dunkelziffer jener Frauen, die in prekären Wohnverhältnissen leben, umso höher ist. Um die Situation der Betroffenen zu verbessern, müsste demnach unter anderem ein öffentlicher Diskurs entstehen, der das Problem thematisiert und aufzeigt, dass es sich nicht um vereinzelte „Versagerinnen“ handelt, sondern um ein großflächiges Problem.
Einrichtungen für Frauen
Eine weitere Maßnahme, die von Experten immer wieder gefordert wird, ist eine Ausweitung des Hilfsangebots, das sich speziell an Frauen richtet. „Natürlich geht man auf Frauen anders zu“, betont Kurt Gutlederer, Leiter der Wohnungslosenhilfe Wien, genderspezifische Unterschiede. Denn dazu, dass wohnungslose Frauen ganz generell andere Bedürfnisse haben als Männer, kommt noch hinzu, dass viele der betroffenen Frauen Gewaltopfer von Männern sind oder waren. Folglich bedarf es Einrichtungen, die sich ausschließlich an Frauen richten, da ansonsten die Hemmschwelle für Hilfesuche zu hoch ist.
Die österreichweit 30 Frauenhäuser zählen zu diesen Einrichtungen. Hier werden vor allem Opfer häuslicher Gewalt aufgenommen und betreut. 3220 Personen, davon 1620 Kinder, fanden im vergangenen Jahr Unterkunft und Schutz in den damals 26 Einrichtungen, die somit knapp 180.000 Aufenthaltstage verzeichnen konnten. Die hohe Anfrage zeigt, dass solche frauenspezifischen Einrichtungen unverzichtbar sind.
Immerhin 46 Prozent der Frauen kehren nach ihrem Aufenthalt entweder wieder zum Misshandler zurück (30 Prozent) oder ziehen zu Bekannten oder Verwandten (16 Prozent) und somit zurück in „ungesicherte Wohnverhältnisse“ . Eine Übergangslösung, könnte man meinen. Jedoch war im Untersuchungszeitraum bereits mehr als jede Fünfte schon einmal (oder öfter) in einem Frauenhaus. Dies bestätigt Expertenmeinungen, wonach der Bedarf an frauengerechten Einrichtungen noch immer nicht gedeckt ist.
Mitschuld an der Wohnungslosigkeit bei Frauen hat sicherlich die immer noch große Einkommensschere. Insbesondere bei Teilzeitbeschäftigung, die speziell für alleinerziehende Mütter meistens nach wie vor die einzige Aussicht auf ein eigenes Einkommen bietet, bleibt die Lohndiskriminierung problematisch. Laut dem Einkommensbericht des Rechnungshofes verdienten Angestellte (49 Prozent) und Arbeiterinnen (44 Prozent) im vergangenen Jahr noch immer deutlich weniger als ihre männlichen Mitarbeiter.
Große Lohnunterschiede
Das Wohnungslosenprofil, das aus dem Bawo-Jahresbericht hervorgeht, zeigt, dass Erwerbstätige mit einem Anteil von 13 Prozent in der ambulanten beziehungsweise 17 Prozent in der stationären Wohnbetreuung, lediglich einen kleinen Anteil der Klientel ausmachen. Bei Frauenhäusern liegt der Anteil an Erwerbstätigen jedoch um ein Vielfaches höher. Die mangelhafte Angleichung des Lohnniveaus beziehungsweise unzureichende Unterstützungen, speziell für Alleinerzieherinnen, hat also erwartungsgemäß schwerwiegende Folgen für Frauen in ungesicherten Wohnverhältnissen.
Ein wichtiger Schritt wäre es laut Experten, eine erste Bestandsaufnahme zu bewerkstelligen. So ist die letzte österreichweite Datenerhebung zur Wohnungslosigkeit bereits zehn Jahre her, erst heuer wurde die zweite veröffentlicht. „Um Geld für Projekte zu bekommen, muss man Zahlen liefern“, bringt Ulrike Knecht von der Heilsarmee das Dilemma auf den Punkt.
Erfahrungsgemäß trauen sich auch mehr Menschen, aus den prekären Verhältnissen in der verdeckten Wohnungslosigkeit auszubrechen, desto mehr über Wohnungslosigkeit allgemein bekannt ist – ein immens wichtiger Schritt, der durch repräsentative Erhebungen gesetzt werden könnte.
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