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zur Startseite "Dossier"Eine Überweisung nach Hause, bitte
Foto: RihaNeue Schulen in Bosnien, ein Krankenhaus in Mexiko – was klingt wie Hilfsprojekte einer Non-Profit-Organisation, ist in Wahrheit der Verdienst ausgewanderter Familienangehöriger. Auch die Wirtschaft des Herkunftslandes profitiert stark von den Rücküberweisungen von Emigranten.
Die Vorstellung, dass Überweisungsgelder die Wirtschaft eines Landes nachhaltig verändern können, mag auf den ersten Blick sehr optimistisch klingen. Tatsache ist jedoch, dass die jährlichen Geldflüsse enorme Beträge ergeben, ohne die gewisse Länder wohl nicht mehr überlebensfähig wären.
Laut einer vom Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlichten Studie ergeben Rücküberweisungsgelder nach Bosnien und Herzegowina beispielsweise fast ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes, in der Republik Moldau, dem ärmsten Land Europas, gar 29 Prozent. Schätzungen gehen gar davon aus, dass unter Berücksichtigung informeller Kanäle sowie Miteinbeziehen von Sachgütern und Ähnlichem die Höhe der Rücküberweisungen gar doppelt so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt.
Seit 1995 übertrifft die Höhe der internationalen Rücküberweisungen nicht nur jedes Jahr die Geldflüsse der Entwicklungszusammenarbeit, sie steigt auch kontinuierlich an. Die Entwicklungszusammenarbeit geht jedoch bisweilen auch zurück beziehungsweise weist sie ein deutlich langsameres Wachstum auf. Bei genauerer Betrachtung fällt zudem auf, „dass die Rücküberweisungen auf den Bedarf der Empfängerhaushalte reagieren und nicht auf die Konjunktur in den Migrationsländern“, so August Gächter, Entwicklungstheoretiker an der Universität Wien.
Gezielte Investitionen
Sogenannten Diasporarücküberweisungen kommt tatsächlich oft eine kompensatorische Funktion für die Ausfälle des Staates zu. Die Geldmittel unterstützen so vielseitige Bereiche wie Bildung und Wissenschaft, Gesundheitswesen, Straßenbau und Infrastruktur, Geschlechtergleichstellung oder humanitäre Hilfe. Kurz gesagt: Bereiche, die bei der staatlichen Förderung zu kurz kommen.
Speziell jene Länder, deren Staat entweder durch Kriege geschwächt ist beziehungsweise noch mit den Folgen eines Krieges oder anderweitigen Krisen zu kämpfen hat und deshalb den Anforderungen der Infrastruktur nur mangelhaft nachkommt, profitieren deshalb von Diasporarücküberweisungen. Bei relativ stabilen Ländern, wie zum Beispiel Ägypten, deren Emigranten oft der oberen Mittelschicht angehören, fließen die Zahlungen oft in gewinnbringende Investitionen oder prestigeträchtige Projekte wie Bildung und Wissenschaft. Ebenfalls ein großer Anteil der Rücküberweisungen geht an individuelle Investitionen, im Speziellen an Immobilien.
Da die Diasporagemeinden naturgemäß ein wesentlich profunderes Wissen über ihre Herkunftsländer haben als internationale Hilfsorganisationen, können sie mit diesem Know-how gezielt Projekte durch Direktspenden unterstützen oder gar aufbauen. Dabei fallen auch keinerlei Kosten für den Organisationsapparat an, wie dies bei den meisten NGOs der Fall ist.
Entwicklung und Quellländer
Mit ein Grund für das starke Wachstum bei Rücküberweisungen ist der ebenfalls große Anstieg des Migrantenanteils an der weltweiten Gesamtbevölkerung. Dieser ist in den letzten 40 Jahren um mehr als ein Drittel gestiegen. Laut Weltbank betrug der offizielle Geldfluss 1995 noch gut 100 Mrd. Dollar. Inzwischen hat sich dieser Betrag schon mehr als verdreifacht, wobei gut zwei Drittel des Betrages in Entwicklungsländer fließen.
Laut der Weltbank kommt das Gros an Geldmitteln dabei aus den USA, die mit über 42 Mrd. Dollar klarer Spitzenreiter sind. Weit abgeschlagen folgen Saudi-Arabien mit circa 15 Mrd. sowie die Schweiz und Deutschland mit knapp 14 beziehungsweise zwölf Mrd. Die Schwankungsbreite ist bei diesen Daten übrigens noch relativ hoch, da die Geldflüsse generell schwer überschaubar sind und die Berücksichtigung von eingebürgerten Migranten oder etwa Sachgütern eine Abweichung im Endergebnis zur Folge haben kann. Laut der Eurostat liegen die Geldflüsse aus Österreich somit bei kaum 800 Mio., während von der Weltbank etwa der doppelte Betrag genannt wird.
In Österreich ist der Zusammenschluss zu Diasporagemeinden, die gezielte Entwicklungshilfe leisten, noch weniger verbreitet, gerade deshalb läge in solchen Organisationen gemäß der erhobenen Daten noch enormes Potenzial.
Problem der Nachhaltigkeit
Doch auch bei den Diasporarücküberweisungen besteht dieselbe Gefahr wie bei herkömmlicher Entwicklungshilfe: Die externen Geldflüsse können wiederum neue Abhängigkeiten schaffen. Denn wesentlich nachhaltiger als nur Geld zu schicken, wäre es freilich, Arbeitsplätze zu schaffen und somit finanzielle Unabhängigkeit zu fördern. Tatsächlich ist Nachhaltigkeit der Prüfstein für jegliches Projekt.
In der mexikanischen Provinz Zacatecas entstand deshalb die Initiative Tres por uno („Drei für einen“). Ziel dieses Programms ist es, Rücküberweisungen in nachhaltige, produktive Projekte zu kanalisieren. Dabei legen der Staat und die jeweilige Gemeinde pro Rücküberweisungsdollar jeweils noch einen Dollar dazu. Der Vorteil liegt hierbei nicht nur in der Verdreifachung des Betrages, sondern in der strukturell forcierten Kooperation zwischen Diasporagemeinden, den Gemeinden und der Regierung. „Synergieeffekte und Lernprozesse, die aus dem Zusammentreffen der Interessengruppen entstehen, sind ihr eigentlicher Gewinn“, heißt es in einem Dossier des HWWI (Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut). Denn selbst dieses Programm konnte bisher trotz großer Erfolge noch „keinen Anstoß für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum geben“.
Allein dadurch, dass die Gelder bei Rücküberweisungen ohne Umwege über eine Organisation direkt an die Empfänger gehen, ist die Unterstützung um einiges effektiver. Darüber hinaus ließe sich laut diverser Studien durch besseren Austausch zwischen Diasporagemeinden, der Politik sowie anderen Hilfsorganisationen die Effizienz der Entwicklungshilfe allgemein erheblich steigern.
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