Digitale Ausscheidungen

Digitale Ausscheidungen  (Kasparek)Foto: Kasparek

Rotzige Postings, derbe Tweets – die Zahl von Textabsonderungen im Web wächst rasant.

Wer heutzutage keinen „Wortdurchfall“ im World Wide Web produziert, wird ob seiner selbst gewählten chronischen Verstopfung vielfach bedauert. Während Kritiker und Technologiemuffel meinen, die „digitalen Exkremente“ würden bereits zum Himmel stinken, bejubeln Kommunikationsjunkies deren Funktion als Düngemittel für blühende Informations- und Wissenslandschaften.
Seit den Anfängen des Web 2.0-Booms vor circa vier Jahren gibt es nun diese Kontroverse zwischen Befürwortern und Skeptikern des Social Web. Letztere prognostizierten den neuen Medienplattformen wie Youtube, My Space und Twitter sowie Mitmach-Tools wie Blogs oder Wikis keine lange Lebensdauer. Doch sehr rasch haben sich aus der anonymen Masse passiver Internetnutzer riesige, weltweit agierende Netzwerke aktiver Gestalter entwickelt, die derzeit das Webgeschehen prägen und beleben. Wer heutzutage nicht auf Xing anzutreffen ist, weniger als hundert Face­book-Freunde oder Twitter-Follower vorweisen kann und noch nie gebloggt hat, wird bedauert und läuft Gefahr, als Onlineanalphabet abgestempelt zu werden.

Digi-Alphabetisierungskurse
„Doch nach wie vor hält sich außerhalb der eingefleischten IT-Insiderszene das Wissen darüber, wie die einzelnen Kommunikationstools des Mitmach-Web auch wirklich funktionieren und genutzt werden können, in Grenzen“, betont die Wirtschaftsinformatikerin Meral Akin-Hecke, die seit 2007 „Alphabetisierungskurse“ für branchenfremde, lernwillige Personen anbietet.
Das Interesse an den von ihr organisierten Veranstaltungen und Workshops ist auch im dritten Jahr des Bestehens der Netzwerkplattform „Digitalks“ ungebrochen groß. An die 20 kostenlose Events, bei denen erfahrene Anwender neue Technologien multimedial präsentierten, sind im Wiener Museumsquartier bereits über die Bühne gegangen.
Die Teilnehmer lernen vor Ort online, wie diverse Webanwendungen funktionieren und zu nützen sind. „Viele trauen sich einfach zu wenig zu. Kaum jemand versteht die Fachtermini, mit denen IT-Spezialisten immer um sich werfen“, erklärt Akin-Hecke die Beweggründe der meisten Besucher. „Wir versuchen, mit einfachen Worten möglichst vielen Menschen einen Ein- und Überblick über die facettenreichen Möglichkeiten von Webanwendungen zu geben. Denn nur wer das Wissen darüber hat, kann auch abschätzen, ob es für ihn ein nützliches Kommunikationsinstrument ist oder nicht“, versichert Akin-Hecke.
Die Themenpalette, die bei „Digitalks“ abgedeckt wird, reicht von „Wie funktioniert Podcasting?“ über „Orientierungshilfen für geobasierte Anwendungen“, Möglichkeiten von „Onlinezusammenarbeit in Echtzeit“ bis zur Verdeutlichung von Wegen und Nutzen des sogenannten „Semantic Web“.

1. Wiener Twitterlesung
Dass beim digitalen Netzwerken auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt, konnte man bei der von „Digitalks“ im April veranstalteten „1. Wiener Twitterlesung“ hautnah miterleben. Hintergrund der Veranstaltung: 50 Mio. „Tweets“ (das heißt auf dem Microblogging-Dienst Twitter.com gepostete Kurznachrichten) werden pro Tag
produziert.
Das „Digitalks“-Team wollte wissen, wo die thematischen Schwerpunkte der unzähligen Tweets liegen, die tagtäglich produziert werden. Das wenig überraschende Ergebnis: Essen, Verdauen, Ausscheiden und Arschkriechen bilden die Spitze der wahren Twitter-Bedürfnispyramide. Passend zu diesen Begriffen wurden Tweets gesammelt und in einer dreiteiligen Twitterlesung vorgetragen. Als Location fungierte, passend zum Thema, die Bar Rectum (auch „Arschbar“ genannt) im Wiener Museumsquartier. economy war live dabei.
Hier eine kleine Kostprobe: „Wenn das Bier im Magen sinkt, am Morgen auch die Schüssel stinkt“, schreibt der Twitterer „Bucksen“. „Shorty“ wiederum hat: „Hunger ... Aber zu faul um aufzustehen.“
„Immateriell“ fragt: „Sucht noch einer ein Ostergeschenk? Unser Schlachter verkauft Leberwursthasen.“ Die „Textzicke“ verrät ihren „Vertipper des Tages: ‚Naturkotladen‘“. „Mutig ist, wer Durchfall hat und trotzdem pupst!“, bemerkt „Eulenherz“.
„Johannes_mono“ erklärt nicht-österreichischen Twittern: „If you exit your plane and someone shouts ‚Oarschbeidl‘ in a cellphone you know you are in Vienna.“
Und Jörg Wittkewitz, der Redaktionsleiter von Blogpiloten.de, liefert das Resümee der Geschichte: „Schreiben ist das Endprodukt der Weltverdauung. Der geschriebene Inhalt, dessen sich ein Mensch entledigt, soll für den anderen Nahrung sein.“ Mahlzeit.
Die Inhalte der „Digitalks“-Veranstaltungen oder Workshops sind auf www.digitalks.at nachzulesen und nachzuhören.


Astrid Kasparek, Economy Printausgabe 83-04-2010, 30.04.2010 Kommentar posten


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Digitaler Durchfall

Exzellenter und unterhaltsamer Artikel, der die Problematik auf den Punkt bringt.

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