Viel blieb nicht von der „Intelligenzija“

Viel blieb nicht von der „Intelligenzija“ (Photos.com)Foto: Photos.com

Intelligenz war einmal ein gesellschaftlicher Begriff für eine gebildete Schicht, die eine Mission und eine Moral hatte. Heute wird der Ausdruck höchstens – und zudem fälschlich – für Formen politischer oder wirtschaftlicher Führungsmacht von Bildungseliten bezeichnet.

Der Begriff der „Intelligenz“ ist in vielerlei Hinsicht mehrdeutig. Im deutschen Sprachgebrauch ist damit in erster Linie eine geistige Fähigkeit gemeint, besonders im Hinblick auf das Erkennen von Zusammenhängen, auf abstraktes Denken und auf Problemlösungen, eine Leistung des Gehirns also. Im Englischen wird es schon komplexer. „Intelligence“ ist wohl auch dieselbe Gehirnleistung, das Wort wird aber ebenso im Sinne von „Informationen sammeln“ und damit für Geheimdienste und Spionage verwendet. Mit „Intelligence“ ist im Englischen also auch eine Geheimdienstorganisation gemeint.
Im russischen Begriff „Intelligenzija“ schließlich hat Intelligenz eine weitere Bedeutung. Und zwar beschreibt dieser eine gesellschaftliche Gruppe oder eine Anzahl von Berufsgruppen, die grob übersetzt der gebildeten Schicht entspricht, sich aber deutlich von den im Westen üblichen Bezeichnungen und Bedeutungen von „Intellektuellen“, „Akademikern“ oder einfach auch nur „White Collar Workers“ abgrenzt.

Für das Großbürgertum
Historisch betrachtet war die gebildete Schicht zuvor meistens gleichbedeutend mit dem Großbürgertum, jener gesellschaftlichen Gruppe, die sich für sich selbst und ihre Nachkommen kostspielige und lang dauernde Ausbildungen an höheren Schulen und Universitäten leisten konnte und sich damit von der Arbeiterklasse und auch dem Kleinbürgertum abgrenzte. Mit der Frühindustrialisierung und den aufkommenden sozialistischen Theorien begann sich aber das Verständnis vom „gebildeten Arbeiter“, etwa eines Facharbeiters, eines Ingenieurs, oder eines revolutionären Bürgers und eines (politisch bewussten) Geistesarbeiters herauszubilden.
Für diese Personengruppen, soziologisch betrachtet nicht besser gestellt als der „normale“ Arbeiter, begann sich die Bezeichnung der „Intelligenz“ als gesellschaftlicher Schicht herauszubilden, seinerzeit in der DDR unter dem deutschen Begriff gebräuchlich, zum Beispiel als Bezeichnung für Akademiker, Ingenieure, Professoren oder Lehrer, die sozial aber nicht besser gestellt waren als die Arbeiterschicht. In Russland, dem Mutterland der Revolution, hieß diese Schicht fortan „Intelligenzija“.
Diese „Intelligenzija“, überhöht dargestellt als die „Wiege der russischen Moral“, sah ihre Berufung und Verpflichtung „nicht nur darin, den Menschen hilfreich zu sein, sondern vor allem in der Errettung des Volkes“, schreibt der russische Autor Viktor Jerofejew. „Sie sah es in der Befreiung – zunächst von der zaristischen Unterdrückung, dann vom Sowjetregime. Das Glück des befreiten und aufgeklärten Volkes war ihr eigenes Glück. Lange glaubte man, dass die Unterdrückten selbst nicht fähig wären, nach Wegen der eigenen Befreiung zu suchen und für ihr Glück zu kämpfen. Eine solche moralische Überhöhung zeichnete ganze Generationen der russischen Intelligenz aus.“
Die russische (oder sowjetische) „Intelligenzija“ hatte ihre Mission – das unterschied sie von den Akademikern und Professoren im Westen. Sie sah in sich den „Homo Sovieticus“ in denkbar idealer Ausformung verwirklicht: klassenbewusst, gebildet, revolutionär, kulturbewusst. Eine russische „Mittelschicht“ in dem Sinne, dass sie sich gesellschaftsstrukturell von den Arbeitern abhob, aber dennoch dieselben Zielsetzungen verfolgte, nämlich jene des Sozialismus, und sich bewusst nicht als „Elite“ verstand, da sie ja im sowjetischen System nichts zu verlieren hatte – keine Klassenzugehörigkeit, keine Reichtümer, keine Bevorzugungen, keine Begünstigungen. Theoretisch jedenfalls.
Heute, so schreibt Jerofejew, sei das alles vorbei. „Die Intelligenzija hat ihre Mission, ihr Fundament verloren,“ sagt er. „Als gesellschaftliches Phänomen ist der Begriff der russischen Intelligenzija nicht nur verwässert, sondern hat sich zerschlagen. Jene Intelligenzija der Vergangenheit hatte viel Gutes und viel Schlechtes. Noch sind diese Prozesse kaum erforscht. Die Erfahrung der europäischen Länder zeigt, dass die Intelligenz verschiedene Stufen ihrer geistigen Präsenz in der Gesellschaft durchlebt. Vielleicht fügt sich alles irgendwann wieder zusammen.“
In der Tat ist der Begriff heute verwässert. Und schon gar nicht tritt er aktuell zutage als etwas, das die einzigartige Kombination der klassenlosen russischen Gesellschaft, der revolutionären Attitüde, gepaart mit der russischen Wehmut und der russischen Seele (der „Rus“), ausmachte. Heute steht die verstreute und zerrissene russische „Intelligenzija“ den Oligarchen und Politgünstlingen gegenüber, die das Land derzeit autoritär regieren.

Heutige Eliten
In weiterer Folge hat sich der Betriff „Intelligenzija“ für andere Formen politischer und wirtschaftlicher Führungsmacht herausgebildet und ist immer mehr mit dem, was früher großbürgerliche Eliten waren, verschmolzen. Wenn man heute den Begriff „Intelligenz“ im Sinne einer gesellschaftlichen oder politischen Kaste meint, dann ist es meistens eine wirtschaftliche oder intellektuelle Elite, die hauptsächlich ihren eigenen Zielen verpflichtet ist, seien es Financial Engineers, Parteikader oder Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes.
Nicht umsonst hat die moderne Bezeichnung „Thinktank“ den Anstrich einer „Intelligenzija“, tatsächlich ist dieser aber in den meisten Fällen nur die Benennung für eine mächtige Propagandafabrik zur Stützung herrschender Interessen. Die westliche „Intelligenzija“ stammt heute aus Elite-Universitäten wie Oxford und Cambridge. Kleinbürgerliche Vertreter der „Intelligenzija“ in Österreich entstammen wiederum hauptsächlich Parteiakademien und ähnlichen Milieus.
In Schwellenländern wird der Begriff „Intelligenzija“ heute auch gleichbedeutend mit Macht gesehen. So wird in Analysen zum komplexen Afgha­nistan-Konflikt das Volk der Paschtunen, dem sowohl der Präsident als auch viele Taliban-Aufständische angehören, als „Intelligenzija“ des Landes bezeichnet. Weiter hat sich der Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung wohl nicht mehr entfernen können. Höchstens noch mit den sogenannten „bourgeoisen Bohemiens“ (Kurzform: Bobos), die sich als „Intelligenzija“ begreifen.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 76-09-2009, 25.09.2009 Kommentar posten


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