Uncooles Europa

Uncooles Europa (Alex Halada)Foto: Alex Halada

Politiker reden darüber, Teenager leben bereits dort.

economy: Ihr drei feiert ja demnächst euren 16. Geburtstag. Das bedeutet, ihr dürft am 7. Juni an der Europawahl teilnehmen. Freut euch das?
Vera: Na pfoh, und wie. Darauf wart’ ich schon seit Jahren. Nein, im Ernst: Ich weiß gar nicht, wann Europawahlen sind und was sich da abspielt. Und ich gebe auch meine Stimme nicht ab, wenn ich nicht weiß, wofür.
Fabian: Also, ich weiß auch nicht, wann die Wahlen zum EU-Parlament sind, aber ich hab’ erst kürzlich von einer der gro­ßen Parteien einen Gutschein für ein Gratis-Zeitungsabo zugeschickt gekriegt. Inhaltliche Infos für mich als Erstwähler gab’s auf dem Folder aber keine. Das ist Bestechung, find’ ich, und ich hab’ den Gutschein weggeschmissen.

Woher bezieht ihr eure Informationen über Europa?

Vera: Aus TV und Internet. Ich chatte und maile regelmäßig auch mit Jugendlichen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Deutschland und England. Mich ärgert das dann aber, wenn die Erwachsenen uns einerseits kritisieren, dass wir so viel vorm Computer sitzen, und andererseits wollen sie, dass wir viel lernen und in Netzwerken arbeiten. Das tun wir ja –wir sind eh schon vernetzt mit der halben Welt. Es nimmt uns nur niemand ernst.

Ist Europa auch ein Thema in der Schule?
David: Das, was wir in der Schule über Europa gelernt haben, war langweilig. Das übliche Geografische, also Bevölkerungs- und Wirtschaftsdaten. Aber genaue Infos, wie Europapolitik funktioniert oder was im EU-Parlament vorgeht, das haben wir noch nicht gehört.

Hat Europapolitik für euch eine Bedeutung?
David: Klar, ich lebe ja in Europa, und ich lebe gut hier. Wir haben keinen Krieg, genug sauberes Wasser, können grenzenlos verreisen und müssen kein Geld mehr wechseln. Und das soll so bleiben.
Fabian: Falsch finde ich aber, dass sich Europa so abschottet und Nicht-Europäer nicht reinlassen will. Da wird einerseits der freie Waren- und Personenverkehr eingeführt, und dann dürfen nur bestimmte Personen zu uns kommen – da stimmt doch was nicht.
Vera: Und wieso soll die Türkei nicht zur EU gehören? Da reden’s immer über die gemeinsame europäische Kultur – was ist denn das? Also, mir ist die Kultur eines türkischen Hip-Hoppers vertrauter als die einer 70-jährigen Wienerin, die sich Heimatfilme und den „Musikantenstadl“ reinzieht.

Was müsste ein EU-Politiker tun oder versprechen, damit er eure Stimme kriegt?

David: Er darf kein Rassist sein, er muss Ausländerfeindlichkeit, Armut und Arbeitslosigkeit bekämpfen und sich für mehr Umweltschutz einsetzen.
Vera: Und er müsste EU-weit die Jugendschutzgesetze lockern, sodass man schon mit 15 in alle Lokale reingeh’n und länger ausbleiben darf!


Astrid Kasparek, Economy Printausgabe 71-03-2009, 27.03.2009 Kommentar posten


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