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zur Startseite "Bildung"Südafrika: Nation auf dem Prüfstand
Foto: EPADas Veranstaltungsland der Fußball-WM 2010 hat derzeit mit der ersten Rezession seit 17 Jahren zu kämpfen. Die Arbeitslosenrate liegt bei knapp 24 Prozent, das ist umgerechnet etwa gut die Hälfte der österreichischen Gesamtbevölkerung. Laut einer Studie gingen allein 400.000 Arbeitsstellen durch die globale Krise verloren.
Dabei blickte vor 15 Jahren die ganze Welt noch voller Hoffnung auf ihre damalige Lieblingsnation. 1994 wurde Nelson Mandela in dem Land, in dem knapp fünf Mio. Weiße gewaltsam über gut 30 Mio. Schwarze und Farbige ohne Mitbestimmungsrecht geherrscht hatten, zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Dem voran ging ein beispielloser Kampf für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit.
Mandela und die Apartheid
Mandela, der stets wiederholte, dass der Unterdrücker die Art des Kampfes bestimmt, engagierte sich bereits in jungen Jahren in der Widerstandsbewegung. Dort machte er sich schnell einen Namen, organisierte zunächst den friedlichen Widerstand, und erst, als das Regime den Druck erhöhte, Sabotage-Akte. Nachdem die Polizei bei einer friedlichen Demonstration 69 Menschen erschoss und 180 teils schwer verletzte, wurde Mandela schließlich Führer des militärischen Flügels der ANC-Partei, Umkhonto We Sizwe (Speer der Nation). Er entwarf selbst Pläne für einen bewaffneten Widerstand.
Anfang der 1960er Jahre tauchte Nelson Mandela unter. Erst nach etwa eineinhalb Jahren wurde er gefasst und kam mit seinen Mitstreitern auf die Anklagebank. Nicht zuletzt durch die internationale Aufmerksamkeit wurde die Strafe auf lebenslängliche Haft gemildert. 1990 kam Mandela schließlich nach 27 Jahren frei. Auf die Frage, wie er all die Zeit im Zuchthaus überlebt habe, antwortete er ohne Bitterkeit:„Ich musste meine Gefängniswärter befreien.“
Gewiss hat sich inzwischen vieles getan, um dem Ziel, eine multikulturelle „Regenbogennation“ zu errichten, in der alle die gleichen Freiheiten und Möglichkeiten genießen, näherzukommen. Schon früh wurde die „Kommission zur Wahrheitsfindung und Versöhnung“ ins Leben gerufen, um Vergangenheitsbewältigung auf beiden Seiten zu forcieren. Zudem gibt es heute elf offizielle Landessprachen. Auch wurde versucht, die Einkommensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen auszugleichen; es entstand eine schwarze Mittelschicht.
Für die Unterschicht hat sich jedoch in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht viel verändert. Noch immer gibt es riesige Slums, Millionen von Menschen leben in Wellblechhütten, meist ohne Wasser und Strom, inmitten des Gestankes wachsender Müllberge. Soziale Unruhen stehen auf der Tagesordnung. Zu Anfang dieses Sommers wurden innerhalb eines Monats 30 gewaltsame Proteste in sieben der neun Provinzen registriert.
Rassismus ist noch immer ein brennendes Problem für beide Seiten. Ein weißer Südafrikaner beantragte unlängst Asyl in Kanada, da er in seiner Heimat aufgrund seiner Hautfarbe nicht mehr sicher sei: Seinem Antrag wurde stattgegeben.
Kritik an der Führung
Der Erwartungsdruck auf Präsident Zuma ist groß, nachdem dieser in einem populistischen Wahlkampf ein „besseres Leben für alle“ versprach und die Armutsbekämpfung zu seinem Hauptziel erklärte. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Der ANC wird es jedoch nicht leicht haben, seine Versprechen umzusetzen, da gerade jetzt durch die schwächelnde Wirtschaft das Geld fehlt.
Zudem wird von vielen Seiten stark bezweifelt, ob Jacob Zuma auch der Mann ist, der die Probleme des Landes lösen kann. Schließlich hatte er schon Gerichtsverfahren wegen Korruption und Vergewaltigung gegen sich laufen. Dass beide vor der Wahl aufgehoben wurden, lässt nicht viele Schlüsse zu.
Mittlerweile wird der ANC vielerorts stark kritisiert. Im Wahlkampf riss ein Trupp von Mitgliedern gerade jener Partei, die einst für Demokratie und Gerechtigkeit kämpfte, systematisch die Wahlplakate ihrer Konkurrenten ab. Viele Parteimitglieder gelten zudem als völlig abgehobene Neureiche, und während die einst weiße Elite langsam durch eine schwarze ersetzt wird, bleiben die Armen weiterhin auf der Strecke. „Die Parasiten von heute sind oft die Helden von einst“, beschwert sich etwa die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer.
Darüber hinaus ist das Aidsvirus, das sich zu einer veritable Pandemie ausgeweitet hat, sträflich vernachlässigt worden. Mandela selbst gestand sich diesen Fehler ein, rechtfertigte sich jedoch:„Ich hatte damals einfach keine Zeit – ich musste eine Nation aufbauen!“ Doch auch in den Jahren nach seiner Präsidentschaft gab es zu wenig Aufklärung zum Thema. Der neue Präsident Jacob Zuma ließ aufhorchen, als er meinte, man könne sich durch eine Dusche vor einer HIV-Infektion schützen.
Aids-Problem vernachlässigt
Laut der SAIRR (South African Institute of Race Relations) ist das Wissen bezüglich korrekter Präventionsmaßnahmen gegen das HI-Virus zwischen 2005 und 2008 in allen Altersstufen deutlich zurückgegangen, bei den 15- bis 24-Jährigen sogar um rund ein Viertel auf nur mehr 42,1 Prozent der Befragten. Dass diese junge Bevölkerungsschicht damit sogar noch um 0,8 Prozentpunkte unter dem Ergebnis der über 50-Jährigen liegt, zeigt, wie erschreckend wenig Aufklärungsarbeit hier geleistet wurde. Die Aussage des neuen Präsidenten ist doppelt beunruhigend, wenn man bedenkt, dass etwa sechs Mio. seiner Mitbürger sowie fast jede dritte schwangere Frau unter diesem Virus leiden, und jährlich etwa eine halbe Mio. Neuinfizierungen registriert wird.
Trotz all dieser Probleme darf man nicht vergessen, dass Südafrika in dieser Form noch keine 20 Jahre existiert und vielleicht gerade deshalb ein Land mit enormem Potenzial bleibt. Die Fußball-WM 2010 wird erwartungsgemäß einen Wirtschaftsaufschwung mit sich bringen. Nicht zuletzt auch im Namen der jungen Demokratie bleibt zu hoffen, dass dieser nicht nur der Elite zugutekommt.
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