Henry Fords Geisterstadt in Amazonien

Henry Fords Geisterstadt in Amazonien (Arno Maierbrugger)Foto: Arno Maierbrugger

In den 1920er Jahren versuchte der amerikanische Auto­magnat Henry Ford, seinen eigenen Kautschuk für die Reifenproduktion am Amazonas zu kultivieren. Die Geschichte eines gescheiterten Industrie-Utopias.

Die Amazonas-Region in Brasilien, das sind unvorstellbare grüne Weiten, ein unendliches Labyrinth an Flüssen, moskitoverseuchte Ebenen, undurchdringliches Dickicht, morastige Straßen, Staub, Hitze und Moskitos. Amazonien, das bedeutet aber auch kleine, nette Städtchen mit lebendigen Flusshäfen, recht zuverlässige Schiffsverbindungen zwischen den wichtigen Anlaufplätzen und fröhliches Volk allerorten. Santarem ist so ein Ort, eine Stadt auf halber Länge den Amazonas flußaufwärts zwischen Belem und Manaus.
Santarem ist auch der Ausgangshafen für eine Reise nach Fordlandia, Henry Fords Geisterstadt am Rio Tapajos. Dorthin gelangt man von Santarem in einer achtstündigen Schiffsreise auf den typischen Amazonas-Booten, ausgerüstet mit Hängematte und viel Geduld. Fordlandia selbst ist heute nichts anderes als ein winziger Ort mit einer schmalen Anlegestelle, die man leicht versäumt, wenn man sich mit dem Capt’n des Amazonasdampfers nicht verständigt.

Morgendämmerung
Die Ankunft um fünf Uhr morgens in Fordlandia war nichtsdestoweniger ein sphärisches Erlebnis. Über dem Amazonasdickicht schickte sich die Sonne gerade an aufzugehen und tauchte die Szene in ein gespenstisches blaues Licht. Neben dem Schiffssteg steht heute noch die Lagerhalle, die damals für das Verschiffen von Kautschuk benutzt wurde, und eine verblasste Aufschrift begrüßt noch immer die spärlichen Besucher in Fordlandia.
Über den zersplitterten Fenstern hängen knochige, ausge­bleichte Rinderschädel, und in der Halle steht ein alter, rostiger Traktor, dazwischen zwei leere Blechsärge. Eine weiß getünchte Kirche schält sich auf einem Hügel im Hintergrund aus dem Dunkelblau der Morgendämmerung.
Die Halle, die Kirche, das verwaiste Hospital rechts vom Steg und schließlich die Produktionshallen weiter hügelauf­wärts, all das steht noch genau so, wie es Henry Fords Planer in den 1920er Jahren an diesem gottverlassenen Ort errichten ließen. Die Idee des Autotycoon war es, mitten im Amazonas-Gebiet eine Kautschukplantage zu errichten, um von Importen aus Malaysia unabhängig zu werden, die die Engländer kontrollierten.

Kautschuk für Reifen

Er ließ Hundertschaften an Planern, Ingenieuren und Agrarexperten nach Fordlandia übersiedeln, wo er eine Stadt nach amerikanischem Vorbild mitten in den Dschungel setzte. In den Spitzenzeiten waren mehr als 8000 Arbeiter in Lohn und Brot, und sie rodeten den Urwald, pflanzten Kautschukbäume, sammelten den Baumgummi und verschifften ihn den Amazonas hinunter und dann Richtung São Paulo zu einer Reifenfabrik des Ford-Konzerns.
In der Theorie sah alles gut aus, jedoch entwickelte sich das Unternehmen bald zu einem Desaster. Fords grundlegender Fehler war, dass er eine amerikanische Stadt im Dschungel bauen ließ, mit amerikanischer Disziplin, Stechkarten, fixen Arbeitszeiten auch während der tropischen Mittagshitze, amerikanischem Essen, amerikanischem Freizeitangebot sowie striktem Rauch- und Alkoholverbot.
Die Arbeiter aber wurden zumeist aus der Region angeworben, von den umliegenden Orten; es waren aber auch viele Eingeborene darunter, denen die importierte Lebensweise aus Amerika fremd war. Bald kam es zu einem Abfallen der Arbeitsdisziplin und auch zu gelegentlichen Aufständen, von denen einer sogar mithilfe des brasilianischen Militärs niedergeschlagen werden musste. Die brasilianische Regierung war Ford in gewisser Weise zu Dank verpflichtet, investierte er doch insgesamt 25 Mio. Dollar in die unerschlossene Region.
Jedoch kam der Kautschukanbau auf einem Areal von 10.000 Quadratkilometern nie richtig auf Touren, was vor allem einer unzureichenden Erfahrung in tropischer Landwirtschaft und diversen Baumkrankheiten zu schulden war. Die Spannungen, die in diesem Umfeld auftraten, schildert der argentinische Autor Eduardo Sguiglia in seinem Buch Fordlandia in bedrückendem Detailreichtum.
Nachdem Ford trotzdem immer mehr Geld nachschoss, die Plantage ins etwas weiter flussabwärts gelegene Belterra verlegen ließ und die Produktion sich etwas verbesserte, kam das dicke Ende: Als um 1945 synthetischer Gummi erfunden wurde, hatte Fordlandia über Nacht ausgedient. Henry Ford ver­kaufte das Land um einen symbolischen Preis von 250.000 Dollar an Brasilien zurück und ließ seine Leute abziehen. Er selbst hatte den Ort nie besucht.

Alter Wasserturm

Heute kann die alte Produktionsanlage noch immer besich­tigt werden. Das Auffälligste ist ein alter Wasserturm mit dem Ford-Schriftzug an der Spitze.
Im Wohnzimmer von Mi­guel, dem Sohn eines Ford-Arbeiters, der mit seiner Familie in Fordlandia geblieben ist und nun von staatlicher Unterstützung lebt, hängt zwischen Heiligenbildchen dasselbe Motiv noch einmal, eingerahmt, eine Erinnerung an bessere Tage. Die Ford-Leute haben Arbeit in die Region gebracht, habe ihm sein Vater erzählt, und das war gut. Sie haben aber alles falsch gemacht, zum Beispiel die Kautschukbäume viel zu dicht aneinander gepflanzt, bis schließlich der Pilz gekommen ist und alles infiziert und ruiniert hat. Das Hospital war eine gute Sache, auch die Verpflegung von den Americanos, trotzdem war alles vergeblich.
In einer alten, verfallenen Fabrikshalle kleben kartoffelsackgroße Wespennester an den Wänden, und die Wespen sind fingerdick. Auf dem roten Feuerhydranten am Bürgersteig, im amerikanischen Stil, made in Michigan, sitzt eine handtellergroße schwarze Spinne. Man kann sich ungefähr vorstellen, mit welchen Problemen die Kautschukarbeiter tagaus, tagein kämpfen mussten.
Heute zählt Fordlandia noch etwa 800 Einwohner und ist über Stichstraßen an einen Abschnitt der Transamazonica angebunden. In der Regenzeit kann der Ort aber mehr oder weniger nur per Schiff erreicht werden. Der Dschungel legt sich beharrlich über die Überreste von Henry Fords Utopia. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die grüne Hölle siegt.


Arno Maierbrugger, Economy Printausgabe 77-10-2009, 23.10.2009 Kommentar posten


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