Gänsehaut und Fantasy

Gänsehaut und Fantasy (Photos.com)Foto: Photos.com

Und sie liest doch, die Jugend von heute. Abseits der Schul-Pflicht­lektüre sogar mit Begeisterung. Klar, dass die Verwandlung von Jünglingen in bissige Vampire Franz Kafkas Käfer alt aussehen lässt.

Die weit verbreitete Meinung von Lehrern, Eltern und sonstigen Erwachsenen, dass die heutige Jugend keine Bücher mehr liest, ist schlicht und einfach falsch. economy hat eine sommerliche Blitzumfrage unter jungen Menschen im Alter zwischen 13 und 20 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis übertrifft die durchschnittliche Lesewut der Österreicher bei Weitem. Während der Trend zum Zweitbuch bei erwachsenen Menschen dem Buchhandel bloß stagnierende Umsätze bringt, räumen blutrünstige Teenager derzeit die Regale der Genres Vampir- und Fantasy-Roman leer.
An der Spitze der Jugendbuchbestsellerliste stehen seit ungefähr zwei Jahren unangefochten Stephenie Meyers bissige Vampirgeschichten. Vom Bis(s) zum Morgengrauen über die Mittagsstunde bis zum Abendrot beißen sich Hunderttausende Mädchen und Burschen durch mehr als 500 Seiten pro Band, um die bittersüße Romanze zwischen einem Vampir und dem Mädchen namens Bella hautnah mitzuerleben. „Das ist Gänsehaut pur“, betont die 15-jährige Schülerin Claudia, die das Unvorsehbare, den Nervenkitzel dieser Vampirgeschichte liebt. „Es gibt Gut und Böse, aber man weiß nie, ob der gute Vampir nicht doch einmal böse wird – das ist der Kick.“

Cooler Kult
Fantasy-Bücher aller Art, Liebesromane und die bei Mädchen seit Generationen so beliebten Pferdegeschichten stehen ebenfalls hoch im Kurs. Während Burschen hauptsächlich auf Action und Fantasy wie Herr der Ringe und Harry Potter abfahren, erweitern Mädchen ihr Lesesortiment auch um sogenannte „Wahre Geschichten“. Dramatische Schicksale wie zum Beispiel der Leidensweg magersüchtiger Mädchen oder Drogenabhängiger sorgen stets für Gesprächsstoff unter weiblichen Teenies.
„Was du auch unbedingt lesen musst, sind die Feuchtgebebiete. Da gibt’s keine Tabus, total schockierend und oft grauslich, aber echt cool.“ Fast euphorisch versucht die 16-jährige Vera, ihre Freundin Valentina für das Skandalbuch des Vorjahrs zu begeistern. Die Geschichte der deutschen Autorin Charlotte Roche über eine junge Frau, die im Krankenhaus wegen Hämorrhoiden behandelt wird und ihre intimen Körperzonen und Geschlechtsteile präzise erforscht, steht seit Erscheinen auf den internationalen Bestsellerlisten. Vor allem Teenies haben es zum Kultobjekt erklärt. Demnächst soll ein ähnliches Buch mit einem männlichen Protagonisten erscheinen, wird gemunkelt.

Comic-Trend Manga
Statt der Faszination des Ekels ist die 17-jährige Valentina allerdings der Sucht nach Mangas verfallen. Die japanischen Kult-Comics, die sich durch glupschäugige Figuren, wenig Text, viel Dramatik und Dynamik auszeichnen, werden von hinten nach vorn und von rechts nach links gelesen. Sie erfreuen sich nun auch in Eu­ropa einer überaus großen und vor allem jugendlichen Fangemeinde.
Natürlich haben sich im Zuge der economy-Umfrage Jugendliche auch vereinzelt als Lesemuffel geoutet. So hat der 20-jährige Jungkoch Adrian erst ein einziges Mal freiwillig ein Buch gelesen: die legendäre Geschichte der Josefine Mutzenbacher. „Des war des einzige Buch, des mi’ wirklich interessiert hat“, gesteht der junge Mann, der heute berufsbedingt nur mehr in Kochbüchern blättert.
„Es haben nie alle gelesen, zu keiner Zeit“, belehrt Mi­chael Kernstock, der Obmann der Sparte Buchhandel der Wirtschaftskammer Österreich, all jene, die bei der heutigen Jugend einen krassen Lesekulturverfall diagnostizieren. „Ein Drittel der Bevölkerung liest, ein Drittel liest ein wenig, ein Drittel liest gar nicht – das ist auf der ganzen Welt so, und das trifft auch auf die österreichische Jugend zu“, so das Resümee des erfahrenen Buchhändlers und Branchenvertreters.


Astrid Kasparek, Economy Printausgabe 76-09-2009, 25.09.2009 Kommentar posten


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